„Die nächste Lehrerkonferenz findet in der Sauna statt!“

Würde eure Schulleiterin oder euer Schulleiter mit dieser Ankündigung ins Lehrerzimmer kommen, würdet ihr bestimmt komisch gucken, oder? Was das mit digitaler Schulentwicklung zu tun hat und was ich mir von Kolleginnen und Kollegen wünschen würde, soll in diesem Artikel dargelegt werden.

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Als interessierter Kollege bin ich regelmäßig auf Twitter unterwegs, um die Beiträge anderer Kolleginnen und Kollegen zu lesen und daraus Inspiration für den eigenen Unterricht oder digitale Entwicklungen an der Schule zu erhalten. Ich beobachte immer wieder die Verwendung von Diensten und den Austausch darüber, bei denen sich viele vielleicht nicht bewusst sind, welche Konsequenzen sie haben können.

Vorweg: Ich finde die Ideen und deren Umsetzung grandios, sonst wäre ich gar nicht mehr auf Twitter. Ihr gebt vielen Kolleginnen und Kollegen mit euren Beiträgen Motivation und Anreize, Neues auszuprobieren und erleichtert auch den Einstieg in das Arbeiten mit den „neuen“ Medien. Dieser Artikel soll keine Kritik an der inhaltlichen Arbeit darstellen, sondern die (oft proprietären) Werkzeuge in den Vordergrund rücken.

Proprietär? Was’n das?

Auf Wikipedia findet man eine Definition, was man im Software-Bereich unter proprietär versteht:

Proprietäre Software ist jegliche Software, die keine freie und quelloffene Software ist.

https://de.wikipedia.org/wiki/Proprietär

Und weiter heißt es über Protokolle und Dateiformate:

Protokolle, Dateiformate und Ähnliches werden als „proprietär“ bezeichnet, wenn sie nicht oder nur mit Schwierigkeiten von Dritten implementierbar und deshalb nicht zu öffnen oder zu lesen sind, weil sie z.B. lizenzrechtlich, durch herstellerspezifisches Know-How oder durch Patente beschränkt sind.

https://de.wikipedia.org/wiki/Proprietär

Es geht also im Wesentlichen um die Möglichkeit die Kontrolle über die Daten, die man produziert, zu behalten und im Zweifel mit einer anderen Software oder einem Dienst im Netz weiterbearbeiten zu können.

Ein Beispiel: GoogleDocs und die Sauna

Kommen wir nun zurück zur Sauna. Ich persönlich gehe gerne in die Sauna, aber nur mit den von mir ausgewählten Personen oder halt mit Fremden. Ich fände es sehr verstörend, wenn ich mit Personen in eine Sauna müsste, von den ich nicht möchte, dass sie mich nackt sehen, geschweige denn, wenn irgendwo eine Kamera hängen würde, die mich filmt.

Immer wieder finde ich auf Twitter Links zu geteilten Dokumenten oder zu Umfragen, die z.B. auf die Google-Cloud verweisen und zum kollaborativen Arbeiten einladen. Die Idee dahinter ist klasse, aber damit erwartet der Autor von allen anderen, dass sie sich in die virtuelle Sauna begeben und sich gegenüber Google digital nackig machen.

Wieso machen wir uns digital nackig?

Google ist hier das Parade-Beispiel, wie ein Konzern fast das komplette Online verhalten tracken kann. Das fängt bei den (mobilen) Endgeräten (Android/ChromeOS/iOS) an und hört beim Surfen im Internet auf. Wer aktiv keine Schutzmaßnahmen ergreift, wird die überwiegende Zeit (nicht nur von Google) getrackt. Ich möchte hier nicht so sehr ins Detail gehen, sondern zu einem Selbstversuch aufrufen. Installiert euch mal das Browser Addon Noscript für den Firefox. Dieses Addon zeigt euch alle externen Skriptaufrufe an, die beim Aufrufen einer Seite getätigt werden. Ich halte jede Wette, dass auf mindestens 80% aller Webseiten zumindest eine Domain erscheint, die zu Google gehört, als Beispiel mal ein Screenshot der beliebten Seite padlet.

NoScript beim Aufruf von padlet.com

Mit Hilfe des Trackings kann dann ein sehr genaues Profil angelegt werden, mit ein Grund, warum Google ein so erfolgreicher Werbevermittler ist.

„Aber wir legen die SuS doch nur als anonymisierte Benutzer an!“

Das ist der häufigste Grund, den ich lese, wenn man sich überhaupt auf eine inhaltliche Diskussion einlässt und die Verwendung von proprietären Diensten im Unterricht rechtfertigt. Dass dieser Grund inhaltlich falsch ist, will ich ganz kurz erläutern, ohne inhaltlich zu sehr ins Detail zu gehen. Ausführliche Informationen findet man über den oben verlinkten Artikel.

Bei der normalen Nutzung des Internets wird zum Verbindungsaufbau immer eine IP-Adresse mitgesendet, da der Empfänger ja wissen muss, wo die Antwort hingehen soll. Das ist also eine technische Voraussetzung. Das heißt aber auch, dass der Dienstbetreiber diese IP immer mitgeteilt bekommt. Diese Adresse ändert sich in der Regel über einen längeren Zeitraum nicht. Benutze ich jetzt einen anderen Dienst, z.B. ein Google-Smartphone in meinem Heimnetzwerk kann jeder weitere Seitenaufruf mit meinem Google-Konto verknüpft werden, da immer die gleiche IP-Adresse genutzt wird. Da nützt mir eine anonymisierte Anmeldung bei GoogleDocs recht wenig, wenn ich über die IP-Adresse in Verbindung mit meinem Google-Konto wieder eindeutig identifizierbar bin. Vielleicht ist das vielen nicht bewusst, aber Anonymisierung ist hier nicht gegeben. Natürlich gibt es Möglichkeiten, das zu unterdrücken, aber das macht der normale Nutzer nicht.
Digitale Fingerabdrücke und Cookies habe ich dabei noch gar nicht mit einbezogen.

„Mein verwendete Lösung ist aber DSGVO-konform…

… und mein Datenschutzbeauftragter hat es erlaubt.“ Klar steht man bei der Verwendung der kritisierten Dienste damit auf einer rechtlich sicheren Grundlage, aber wenn ich mir alleine die unterschiedlichen Auslegungen der Länder bei der Nutzung von Whatsapp in Schulen ansehe, zweifle ich manche Interpretationen an. Zusätzlich kommt noch dazu, dass viele Datenschutzbeauftrage an Schulen gar keine informatische Ausbildung haben und somit gar nicht alle technischen Hintergründe meiner Meinung nach im Blick haben und ausreichend bewerten können.

Auch das Tracking von Google ist z.B. von der DSGVO gedeckt, weil die Seitenbetreiber, die z.B. google-analytics einbinden, ein berechtigtes Interesse (Auswertung ihrer Seitenaufrufe zur Optimierung) geltend machen. Somit muss man aktiv ein Opt-Out betreiben oder mit NoScript die Aufrufe blocken, wenn man nicht getrackt werden möchte. Der umgekehrte Fall müsste Standard sein!

Lieber nicht digital arbeiten als schlecht digital arbeiten?

Ok, ich habe ein wenig bei der FDP geklaut! ;) Aber so wird es oft propagiert. „Ich kann ohne Tool XYZ gar nicht produktiv arbeiten, die freien Alternativen gibt es nicht und wenn doch sind sie im Vergleich zu umständlich und ich bin einfach so bequem. Was soll ich also machen?“

Man sei zwar auch zum Teil unzufrieden mit den verwendeten Werkzeugen bzgl. des Datenschutzes, andere würden aber eben nicht bei gleichem Arbeitsaufwand dasselbe Ergebnis in gleicher Zeit liefern. Es ist halt alles so schön aus einem Guss und sehr bequem. Nur: Solange wir nicht anfangen und freie Alternativen benutzen, unterstützen, verbessern und publik machen, wird sich an dieser Situation nichts ändern. Im Gegenteil, sie wird sich in den nächsten Jahren nur noch verfestigen und Abhängigkeiten werden eher größer als kleiner. Im schlimmsten Fall haben wir irgendwann gar keine Möglichkeit mehr ohne proprietäre Dienste auszukommen, die dann auch maßgeblich einen Einfluss auf Form und Inhalte nehmen könnten.

Natürlich haben die großen Anbieter sowohl einen zeitlichen als auch finanziellen Vorsprung, den wir aber nicht noch weiter vergrößern sollten.

Und was viele übersehen: Was ich privat nutze ist meine Sache. Wenn ich mich bewusst für proprietäre Dienste entscheide, ist das völlig ok (und ggf. später mein persönliches Problem). Aber wenn ihr kollaborativ arbeiten oder eure Materialien zur Verfügung stellen wollt, wählt bitte einen Weg, den auch alle mitgehen können.

Auch gegenüber den Schülerinnen und Schülern und dem Kollegium haben wir eine Vorbildfunktion, wenn ich mich in der Weiterentwicklung der Bildung mit Hilfe von digitalen Medien engagiere. Mit einer unkritischen Nutzung der Dienste im Unterricht vermittele ich sogar die Haltung, dass es vollkommen ok ist, unbequeme AGB abzunicken und in vielen Fällen haben Schülerinnen und Schüler nicht einmal eine Wahl.

Ein Schritt in die richtige Richtung…

Ich weiß, dass ich verdammt viel verlange, gerade wenn man sein proprietäres Setup für sich gefunden hat und sowieso mit anderen Dingen beschäftigt ist. Das liegt aber auch daran, dass wir den (imho) falschen Weg schon ziemlich weit gegangen sind. Statt einen sofortigen Verzicht von proprietären Diensten würde ich mir wünschen, dass jeder für sich langfristig Entscheidungen trifft, die diese Problematik im Hinterkopf behält. Das kann damit anfangen, dass man z.B. bei einer Vorstellung eines Dienstes die Datenschutzproblematik explizit thematisiert oder wenn möglich eine unproblematische Alternative sucht und stattdessen verwendet. Bei Interesse schreibe ich gerne noch einen Blog-Artikel zu möglichen Alternativen, das würde aber hier den Rahmen sprengen.

Wenn ihr weiterhin Dienste wie z.B. padlet benutzen wollte, schreibt doch bitte die Dienstbetreiber an, ob die Verwendung von externen Diensten überhaupt notwendig ist oder es datenschutzfreundliche Alternativen gibt. Manche Seitenbetreiber sind sich der Tatsache, dass externe Seiten aufgerufen werden (z.B. für das Nachladen von Fonts, dass man auch lokal lösen kann), vielleicht gar nicht bewusst.

Ihr könnt eure favorisierten Dienste/Seiten entweder mit dem oben genannten Addon für Firefox überprüfen oder nutzt Seiten wie webbkoll. Eine Prüfung von padlet z.B. liefert 13 Cookies und 56 Anfragen zu 22 verschiedenen Drittanbietern.

Auch kann man konkret an seiner eigenen Schule die Probleme ansprechen und ein Bewusstsein dafür schaffen, sowohl bei Schülerinnen und Schülern als auch beim Kollegium und der Schulleitung, so dass sie nicht auf die Idee kommt, die nächste Lehrerkonferenz in der Sauna abzuhalten.

Bitte einfach mal anfangen und nicht immer weiter in die falsche Richtung laufen!

Danke für’s Lesen!

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