„Der Datenschutz ist schuld!“

Ich bewege mich schon seit einiger Zeit auf Twitter im #twitterlehrerzimmer und verfolge immer wieder die gleiche Diskussion, die Bob Blume in seinem Tweet hier auf den Punkt bringt:

Da 280 Zeichen für meine Meinung zu diesem Thema nicht ausreichen, schreibe ich diesen Blogpost.

„Der Datenschutz ist schuld, dass ich nicht zeitgemäß unterrichten kann!“

So oder so ähnlich interpretiere ich die Aussage von Kolleginnen und Kollegen, die gerne auf digitale Plattformen oder Dienste im Netz zurückgreifen möchten, es aber nicht dürfen, weil es z.B. der Datenschutzbeauftragte nicht freigegeben hat. Auch der Tweet, so wie ich ihn verstehe, zielt darauf ab und fordert mehr Freiheiten ein. Die Schuldfrage ist meiner Meinung aber gar nicht so einfach zu klären. Ist der Datenschutzbeauftragte schuld, weil er die Rechte aller Schülerinnen und Schüler ernst nimmt oder ist vielleicht der Anbieter des Dienstes schuld, der es nicht hinbekommt eine überprüfbare datenschutzkonforme Lösung anzubieten?

„Wir haben aber keine datenschutzkonformen Lösungen, die gleichwertig sind!“

Das ist die zweite Aussage, die ich aus dem Tweet lese. Dieser Aussage kann ich sogar teilweise zustimmen. Alternativen gibt es zwar (s.u.), aber vom Umfang und der Bequemlichkeit sind diese den verbreiteten Plattformen unterlegen. Die großen Anbieter haben einen zeitlichen und einen finanziellen Vorsprung, der durch staatliche Entwicklung, wie sie im Moment laufen, schwer bis gar nicht einzuholen ist. Das liegt auch daran, dass es Deutschland einfach verschlafen hat, hier frühzeitig die Weichen zu stellen.

Es gibt aber jetzt eigentlich nur zwei Möglichkeiten, wie man damit umgehen kann:

  1. Ich beschwere mich weiter über den „bösen Datenschutz“ und alles bleibt wie es ist!
  2. Ich suche Alternativen, die datenschutzkonform sind und meinen Anforderungen möglichst nahe kommen.

Möglichkeit 1 ist für mich keine Option, eine Nutzung von problematischen Plattformen trotz Verbot/Grauzone schon gar nicht. Also bleibt nur Möglichkeit 2. Und damit kommen wir zum eigentlichen Problem: Es fehlt die notwendige Kompetenz/Sensibilisierung und vor allem Zeit und Geld an den Schulen, um diese Alternativen zu finden, zu bewerten und auch einsetzen zu können. Das mag sich jetzt hart anhören, aber wer sich mit seinen Mitmenschen über das Internet unterhält, merkt recht schnell, dass es hier überwiegend grundsätzlich an der nötigen Kompetenz in großen Teilen der Gesellschaft fehlt, um solche Dinge wie Datenschutz beurteilen zu können. Und das soll bitte nicht als Vorwurf verstanden werden, woher sollen sie es auch wissen? Cloud-Computing in der jetzigen Form gibt es seit vielleicht 10 (?) Jahren.

Man hätte das Problem ggf. nicht in dieser dramatischen Form, wenn informatische Themen schon viel früher im Unterricht verpflichtend verankert worden wären, aber das ist ein eigenes Thema für sich.

„Wo sind sie denn, die Alternativen?“

Wenn ich es jetzt mal exemplarisch auf das 4K-Modell beziehe, brauchen wir in der Schule doch erstmal „nur“ die Möglichkeit, kollaborativ zu arbeiten und Kommunikation zu ermöglichen. Wenn ich auf die großen Anbieter verzichten muss/will, bleiben nur offene Plattformen, die am besten auch in Deutschland gehostet werden können. Nextcloud wäre z.B. so eine Möglichkeit, die man auch in der Schule datenschutzkonform einsetzen kann und professionell aufsetzen und betreuten lässt. Das kostet langfristig Geld und bedeutet auch bestimmt im Vergleich zu den Großen einen Komfortverlust, das ist mir klar! Aber „schlecht zeitgemäß arbeiten“ statt „gar nicht zeitgemäß arbeiten“ ist hier für mich die bessere Lösung. Langfristig wird eine Plattform sich nur dann verbreiten und durchsetzen, wenn sie von vielen eingesetzt wird. Nimmt die Verbreitung zu, erhöht sich der Druck auf die Großen, ihre Lösungen datenschutzkonform anzubieten. Wir hätten also (wenn es gut läuft) nachher mehrere Lösungen aus denen wir wählen könnten, quasi eine Win-Win-Situation. Es muss nur Kolleginnen und Kollegen geben, die sich auf den Weg machen, diese Alternativen zu finden und voranzutreiben.

Dafür benötigt man Zeit und Geld, was es nicht gerade im Überfluss im System Schule gibt. Der Digitalpakt wird hoffentlich für ein wenig Geld sorgen, die Zeit muss aber irgendwoher kommen. Deswegen halte ich es zwangsweise für notwendig, dass Kolleginnen und Kollegen, die sich darum an ihrer Schule kümmern, nachhaltig entlastet werden. Optimal wäre es (wie bei uns), wenn es für jede Schule einen eigenen Dienstleister gibt, der diese administrativen Aufgaben übernimmt. Es bleibt aber immer noch der Zeitaufwand sich ins System einzuarbeiten, das man verwenden will. Im übrigen ist der Zeitaufwand unabhängig von der verwendeten Plattform, denn die Zeit benötigt man auch, um sich in die Plattform und Möglichkeiten der Großen einzuarbeiten (zumindest, wenn ich die ganzen Fragen z.B. bzgl. OneNote auf Twitter richtig interpretiere).

Um nochmal auf den Eingangstweet zurückzukommen: Nicht der Datenschutz ist schuld, dass wir nicht zeitgemäß arbeiten können, sondern der Wunsch nach dem Einsatz von Plattformen, die ihn bisher nicht oben auf ihrer Agenda haben oder Datenerhebung sogar als Geschäftsmodell (miss-)brauchen. Es ist längst überfällig entweder Alternativen zu verwenden oder die großen Anbieter dazu zu bewegen, ihre Lösungen datenschutzkonform anzubieten.

Ja, hier und jetzt kann man die eierlegende Wollmilchsau und Datenschutz nicht gleichzeitig haben. Aber wir können den Kompromiss wagen, dass wir ggf. mit Einschränkungen auch heute schon datenschutzkonform arbeiten können ohne die Rechte der Schülerinnen und Schüler zu verletzen. Und das 4K-Modell beinhaltet ja auch den Punkt „Kritik“, was spricht also dagegen diese auf die gängigen Cloudlösungen auch anzuwenden und nicht ausschließlich auf den Datenschutz?

Ein Kommentar

  1. Danke für den schönen Artikel, dem ich im Wesentlichen zustimmen kann. Ich mag noch ergänzen, dass Kollaboration nicht erst seit Nextcloud funktioniert, sondern schon mit Foren oder Wikis begonnen hat. Ich würde auch verstärkt einen Blick auf die Sinnhaftigkeit der eingesetzten Lösungen werfen. Ich sehe häufig die Nutzung stärker vom Produkt als vom Problem motiviert. Besser wäre doch „Welches X löst mein Problem?“ als „wofür kann ich X einsetzen?“. Auch die Befähigung zum Betrieb eigener Infrastruktur (wie etwa durch das Projekt Yunohost) wird mit Blick auf geschlossene Plattformen nur selten vorangetrieben.

    PS
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